Trouble am anthropologischen Grabenbruch

22. Aug. 2019 von Antje Garrels-Nikisch

Im Moment, in sich anbahnenden oder bereits manifest werdenden sozialen Konflikten um Konsequenzen des menschlich zumindest mitverursachten Klimawandels, laufen viele gesellschaftliche Konflikte in einem viel zu selten bewusst thematisierten Grenzgebiet ab, das ich den anthropologischen Grabenbruch nenne.

Paradigmatische und forschungspraktische Missverständnisse
Viele Misserständnisse rühren vermutlich von paradigmatischen und forschungspraktischen Unterschieden her, die nicht ausreichend problematisiert und beforscht werden. Das raubt nötigen Umsteuerungen Engagement, Zeit und Raum und entzweit oft genug sogar diejenigen über ungeklärte Grundsatzfragen, die angesichts des hohen Umweltdrucks eigentlich dringend an einem Strang in die gleiche Richtung ziehen wollen.

Zwei tektonische Platten, auf denen wissenschaftliche Unterschiede herrschen
Anthropologischen Grabenbruch nenne ich eine Verwerfung zwischen derzeit zwei wissenschaftlich angewandten Erkenntnistheorien: Die philosophische bzw. evolutionäre Anthropologie sind durch zwei grundverschiedene Mensch- und Weltverständnisse samt daraus resultierenden Forschungsparadigmen fundiert. Die evolutionäre Erkenntnistheorie einerseits sieht Menschen als tierische Spezies an, während die philosophische Erkenntnistheorie auf der Vorstellung basiert, der Mensch sei grundsätzlich anders, evolviere nicht mehr und sei nur noch kulturell bestimmt.

Konsequenz ist, dass es sich anfühlt als bestimmten auf zwei tektonischen Platten inkompatible Begriffe den wissenschaftlichen Verkehr, ohne dass die Fehlerquelle der in teilweise inkompatiblen Regelsysteme überhaupt erkannt wird. Geschieht das doch
einmal, wird die Klärung oft gar nicht erst angegangen, weil sie zeitintensiv zu werden verspricht. Ich glaube, je länger wir hier nicht weiterkommen, desto stärker steigen die Kosten. Bevor ich´s zu sagen vergesse: Eine der Platten heißt Natur-, die andere Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaft.

Die Problemzonen reichen weit und gehen tief, etwa von Klimawandel bis Künstliche Intelligenz oder von Sterbehilfe bis Reprouktionsmedizin.

Besondere Aufmerksamkeit hilft weiter
Im Studieren und Lernen im Grenzgebiet zwischen strukturellen Konsequenzen philosophischer und evolutionärer Erkenntnistheorie habe ich die Gewohnheit etabliert, viel Zeit darauf zu verwenden mir (oft schriftlich) transparent zu machen, wovon ich unbewusst ausgehe, weil ich nur so bewerten kann, was ich von dem halte, was mein Bauch mir als "richtig" meldet. Zu wissen welchen Blödsinn ich schon geglaubt habe, hilft mir selbst bei großen Meinungsverschiedenheiten respektvoll und kooperativ zu bleiben.