Mutige Kinder, feige Erwachsene?

16. Apr. 2019 von Antje Garrels-Nikisch

In letzter Zeit hören wir oft, sich hartnäckig für besser klimatische Verhältnisse einsetzende Kinder seien mutig,"die Erwachsenen" aber zu zögerlich.
Vielleicht ist es einfach so, dass Erwachsene, die warnten, als noch wenige in diese Richtung stießen, schlechtere Chancen hatten, am Ressourcenfluss zu bleiben.

Gefühlte Rechnungen
Heutige Kinder haben viel mehr zu gewinnen als die meisten beruflich eingebundenen Erwachsenen glauben gewinnen zu können: Sie sehen bereits relativ sicher, womit sie zukünftig werden leben müssen. Ihre Chancen steigen, sozial und rational adaptiv zu agieren, wenn sie jetzt gegen den Strom schwimmen. Altersbedingt sind sie eh prädestiniert dafür sich sozial eher lateral als vertikal zu orientieren.

Menschen und ihre Sozialformen: komplex, nicht-linear, dynamisch.
Menschen und ihre Sozialformen (Inhalt: 2-n) werden heute nach theoretischem State of the Art als nichtlineare komplexe dynamische Systeme angesehen.
Wer anerkennt, unter Bedingungen von Komplexität und Nichtlinearität zu leben, sollte, wie der Neurophysiologe Wolf Singer (2003 Über Bewußtsein und unsere Grenzen: 302-305) schließt, kaum Handlungsbegründungen für sinnvoll halten, die sich mit langfristigen Prognosen rechtfertigen wollen. Man kann nicht sicher wissen was kommt, und Wahrscheinlichkeiten sind eben genau das: wahrscheinlich, aber nicht sicher.

Mehr auf Sicht steuern
Singer hat eine Idee, die sich lohnen könnte, in vielfachen Versionen improvisiert zu werden.

Zitat beginnt:
Was aber bleibt uns, wenn wir uns von der Utopie der Planbarkeit der eigenen Zukunft verabschieden und mit den Einsichten in unsere Begrenztheit ernst machen (...)? Vielleicht, so meine Hoffnung, könnte dies der Anfang zur Entwicklung einer neuen Kultur der Demut sein, in der pragmatische Nahziele wie etwa Leidensminimierung, Empathiefähigkeit und Toleranz zum Primat werden. Wenn wir uns bescheiden und ablassen von finalen Projektionen, die wir ohnehin nicht durch "zielführende" Maßnahmen verwirklichen können, dann wird vielleicht der Blick frei für die vielen kleinen Änderungen, die wir gefahrlos induzieren können, um die Vielfalt der Daseinsmöglichkeiten zu erhöhen und zu erproben. Wenn wir uns dann noch in dem Konsens solidarisieren könnten, daß uns unser Nicht-wissen-Können eint, wenn wir lernen könnten, diese kollektive Geworfenheit auszuhalten, und uns nicht wie bisher durch Abgrenzung vom anderen als besser Wissende betätigen müßten, dann hätten wir durch die Einsicht in unsere Grenzen die Würde wiedergefunden, die uns diese Einsicht vermeintlich geraubt hat. Demut als Utopie (ebd.: 305).
Zitat endet.

Zugegeben. Demut kann ein Reizwort sein und ich würde ein anderes wählen. In der Sache stimme ich zu. Eine etwas weniger große Klappe und mehr aufmerksames auf Sicht steuern scheint mir überhaupt nicht dumm in unserer Lage.

(Bild von Christine Sponchia auf Pixabay)