Nachwuchslos nachhaltig?

19. Juli 2019 von Antje Garrels-Nikisch

Eine komische Spezies sind wir, schon ziemlich besonders. Wir können uns entscheiden, uns gar nicht fortzupflanzen und nur das aus der Sicht evolutionärer Theorie flachere "Ziel" anstreben, persönliches Überleben so gestalten, wie wir es wollen. Wow. Mir gefällt, Lebensstile selbstverantwortlich und auch gern mehrmals pro Leben wählen zu können.

Fragen von speziellem Wert?
Es scheint jedoch Fragen zu geben, in denen wie von Zauberhand Druck zu entstehen scheint, dass ich nicht nur verantwortlich für mich entscheide, sondern so wie alle es sollen sollten. Ich soll, so fühlt sich das in dem Fall an, auf einer Seite von nur zwei möglichen sein. Anders gesagt: ich spüre Druck, mit meiner Entscheidung über generell falsch oder richtig in dieser Frage zu entscheiden.

Es sind Fragen wie diese. ...
Etwa las ich im Juni diese Zeile in Zeit online: "Los, komm, wir sterben endlich aus". Ich denke, schaden tut es sicher nicht, wenn sich viele Leute entscheiden, keine Kinder haben zu wollen. Wahrscheinlich wäre dies aber schon wegen evolutionärer Vorbedingungen kein Weg, den sehr viele gehen wollen. Solche persönlichen Entscheidungen retten also wohl weder unsere Umwelt, von deren gutem Funktionieren wir abhängen, noch wären sie dem Überleben der Menschheit unmittelbar gefährlich.

... die auch nicht so neu ist, wie sie zunächst wirkt.
Dass sich manche Leute in verschiedenen Mischungsverhältnissen von Bauchgefühl und Kopfsteuerung präventiv überfordert fühlten mit Kindern, halte ich nicht für neu. Sich für ein Klosterleben zu entscheiden, sollte früher wie heute zumindest bei einigen auch derartig motiviert gewesen sein. Neuerdings werden Kinderlosigkeitswünsche auch mit Klimaschutz oder allgemeinen ökologischen Überlegungen in Verbindung gebracht.

Vielleicht existenzielle Fragen ...
So spannend scheint mir nicht, dass es diesen Wunsch gibt und dieser u. a. auch ökologisch begründet wird.Aus religiösen Gründen von der quantitativen Norm abzuweichen und eine kinderlose Lebensweise zu wählen, war also schon lange akzeptiert. Vielleicht könnte aus ökologischen Gründen zukünftig als genauso starkes Argument wirken? Immerhin scheint mmer mehr Menschen rational einzuleuchten, wie existenziell wichtig eine funktionierende Ökologie für Menschen ist.

... lösen schon mal soziale Wogen aus,
Mich wundert eher, wie wie heftig und grundsätzlich in Kommentaren über Gut oder Böse des Kinderkriegens gestritten wird. Über Sara Diehl wird mehr geredet, als dass ihre Ideen gründlich gelesen werden. Die wenigsten, die sich gegen eigene Kinder entscheiden, werden gleich Antinatalisten sein, wie Théophile de Giraud oder eine politische Initiative gründen wollen.

... sind aber weniger rationaler ...
Angriffe gegen Kinderlose, die sich damit outen, dass sie es gern sind und so wollen, sind durch keinen rationalen Grund zu rechtfertigen. Weder bin ich gezwungen, selbst kinderlos zu bleiben, wenn es andere tun, noch steht wie gesagt das Aussterben der Menschheit (ab wieviel Exemplaren müsste man eigentlich davon sprechen?) bevor (was im Übrigen auch kein rationaler Grund für Angriffe gegen bewusst Kinderlose wäre).

... als sozialer Art.
Der Generationenvertrag funktioniert ja schon länger ersichtlich weniger gut als von vielen erhofft und von manchen immer noch wider besseres Wissen versprochen.
Warum also die moralische Empörung oder gar die Idee, Kinderlose zusätzlich zu belasten, weil sie keine hypothetisch einmal steuerzahlenden Menschen hinzufügen? Ich verstehe es nicht wirklich, finde aber, es würde lohnen, über all das lauter als bisher nachzudenken. Perfekte Antworten sind nicht zu erwarten in einer evolvierenden Welt. Perfekt ist keine sinnvolle Antwort auf dynamisch.

Wie ich es sehe? So.
Nicht entweder dafür oder dagegen zu sein, als ginge es ums Leben selbst, sondern offen, weil es um etwas anderes geht, scheint mir angesichts der polarisierenden Diskussion keine sozial leicht aushaltbare Haltung.
Aber Leute, es geht um eine Lebensweise. Gäbe es davon nicht viele, hätten wir keine Modelle von anders leben, wenn's mal drauf ankäme! Leben besteht offensichtlich darin, bisher vielfältige Formen evolviert zu haben. Mir scheint wahrscheinlicher, dass offene Gesellschaft als Lebensform überlebt als geschlossene.

Keine Ahnung, wie du das siehst, aber ich denke, verschiedene Spielarten von "keine Kinder haben wollen" oder "zumindest keine eigenen" bedeutet den so Entscheidenden sicher Vieles und subjektiv Verschiedenes. Mit Lebensweisen lässt sich spielen und herumprobieren.
Muss ja nicht gleich ein alles bestimmender Ismus werden (wie Antinatalismus). Der Umweltgrund ist so gut wie der, sein Leben Gott widmen zu wollen, um das Gefühl zu begründen, dass man einfach keine Kinder möchte. Ein gesellschaftlich akzeptierter Grund entlastet wohl subjektiv die Lage, sich nicht in der quantitativen Norm zu befinden. Extern davon ist es nämlich nicht immer sozial hygge.

(Bild von KatinkavomWolfenmond auf Pixabay. Danke!)