Verstehen? Oder Rechtfertigen?

27. Apr. 2019 von Antje Garrels-Nikisch

Im Dreiklang ökologischer, ökonomischer und sozialer Nachhthaltigkeit beforschen wir soziale Nachhaltigkeit am wenigsten. Ich glaube, wir haben noch nicht einmal richtig angefangen, über soziale Nachhaltigkeit nachzudenken. Dies ist ein Phänomen, das ich nicht verstehe. Hier müsste doch liegen zu bestimmen, was genug ist? Und das geht nicht ohne Grundlagenforschung.

Erklären-wollen ≠ Rechtfertigen
Keine Ahnung, wie du das siehst, aber ich sehe eine sozialwissenschaftliche Tendenz, Erklären (und sich etwas erklären können zu wollen) als Rechtfertigen zu verstehen. Da geht es schnell immer darum, sich selbst und anderen die eigene tatsächliche oder gewünschte soziale Position zu erklären, ob mit Arbeitsleistung oder Qualifikation, Staatsbürgerlichkeit oder Religion. Kurz ob ich da, wo ich stehe, mit Recht stehe und mit welchem.

Wissenschaftlich ≠ moralisch-eigennützig
Mir scheint das eher Moral als Wissenschaft, die sollte nämlich erklären, warum Menschen andere Menschen unterschiedlich viel wert sind. Ohne darüber moralisch zu urteilen. Wissenschaft sollte nicht implizit nahezulegen versuchen auszusagen, warum jene - selbstverständlich, die die sind wie ich, - die Ressourcenallokation bestimmen sollten und deshalb sicheren Zugang haben sollten und nicht andere.
Warum geht es nicht darum, was ein Mensch in welcher Klimazone braucht, um ein gutes Leben zu führen und andere ein gutes Leben führen lassen zu können? Ich zumindest meine, eine starke sozialwissenschaftliche Tendenz zu sehen, soziale Ungleichheit als naturgegeben hinzunehmen, ohne dies Phänomen erstmal zu verstehen. Nicht bloß sozial- sondern auch naturwissenschaftlich.

Vielleicht hängt es damit zusammen, dass sozial immer verhandelt wird, ohne dass man selbst merkt, dass man verhandelt. Sozialwissenschaftlich wäre das nur eine unbeweisbare Behauptung, naturwissenschaftlich wäre es als mögliches Phänomen vielleicht sicherer festzurrbar. Aber Verhandlungssache, ob solche Wissenschaft in sozialwissenschaftlich zählen soll. Mit welcher Position gehst du in zukünftige Verhandlungen?